Danke Deutschland: Teil 081: Hölderlin hat es in sich

Der Dichter Hölderlin gehört zu den ganz besonderen Ereignissen der deutschen Literaturgeschichte. Produktiv tätig war er zunächst in der ersten Phase seines Lebens. Nach dem Scheitern der französischen Revolution und einer privaten Beziehung zog sich Hölderlin in ein eingeschlossenes Innenleben zurück. Er wurde verrückt und verbrachte die zweite Lebenshälfte in geistiger Umnachtung in einem Turm der Stadt Tübingen. Eine Familie kümmerte sich hier um den Dichter und bewahrte auch dessen Aufzeichnungen auf. Es ist ein Glücksfall, dass sie dies getan hat. Sowohl für die frühen Gedichte wie auch das Spätwerk Hölderlins interessiert sich heute die Literaturwissenschaft.

Längst lässt sich nicht mehr nur von einem verrückt gewordenen Hölderlin sprechen. Manche Forscher vermuten, dass Hölderlin vom Verlauf der Französischen Revolution ebenso enttäuscht war wie von einer persönlichen Beziehung. Als Privatlehrer war er bei einer Frankfurter Familie angestellt. Hier verliebte er sich unglücklich in die Hausherrin. Die Beziehung konnte nicht von langer Dauer sein. Ob es sich anschließend wirklich um eine geistige Umnachtung handelte oder einen bewussten Rückzug ins Innere, wird kritisch diskutiert. Tatsächlich war Hölderlin von seinen ehemaligen Zimmergenossen zu Studienzeiten der einzige, der den revolutionären Ansichten der französischen Jakobiner die Treue hielt. Im Studienstift zu Tübingen wohnte Hölderlin mit dem Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling auf einem Zimmer. Das Trio entwickelte wichtige Gedanken, die den Deutschen Idealismus begründen sollten. Auch über die Urheberschaft dieser Gedanken gibt es einen großen Streit. Manche schreiben sie Hegel zu, andere sehen Hölderlin als deren Gründer. In jedem Fall hat die Freundschaft der drei Genossen eine bahnbrechende Philosophie begründet.

Hölderlin wurde als Dichter erst später entdeckt – und dies über Umwege. Zunächst wurde er von den Nationalsozialisten vereinnahmt. Das Wort Vaterland kommt in manchen seiner Gedichte vor. Der NS-Staat gab diese Texte den Soldaten mit auf den Weg. Hölderlin war jedoch kein Nationalist. Sein Vaterland war auch nicht Deutschland, sondern vielmehr das alte Griechenland. Mit den verstörenden Texten aus der zweiten Lebenshälfte wusste man lange Zeit wiederum gar nichts anzufangen. Erst in den 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Hölderlin neu entdeckt. Die Werkausgabe Dietrich Eberhard Sattlers bereitete dafür den Boden. Sie sorgte für eine offene Auseinandersetzung mit einem revolutionären Hölderlin, der eben nicht verrückt geworden war.

Wenn es über diesen Streit auch verschiedene Meinungen geben mag, so bietet die Auseinandersetzungen mit dem Werk des weltberühmten Dichters doch in jedem Fall ein wertvolles Kulturgut. In vielen Ländern der Welt wird seine besondere Geschichte ebenso geschätzt wie seine Schriften. In Tübingen kann der Turm Hölderlins vor Ort besucht werden. Er beherbergt heute ein kleines Museum, das viele Besucher anzieht. Sie wollen den Ort aufsuchen, an dem der Dichter die zweite Hälfte seines Lebens verbracht hat. In Tübingen findet sich genau dieser Ort mitten in einer wunderschönen Stadt voller Fachwerkhäuser. Die Universität der Stadt und das rege geistige Leben der Gegenwart hat den alten Bewohner aus der vergangenen Zeit nicht vergessen. Immer wieder finden hier Kongresse statt, auf denen das komplexe schriftstellerische Werk Hölderlins neu diskutiert wird.